Freitag, 1. Februar 2008

Religion im Trend

Ein Riß geht durch Deutschland: die einen lieben die BILD-Zeitung, die anderen hassen sie. Elisbeth Hurth gehört ganz klar zur zweiten Gruppe. Ihre Monografie mit dem vielversprechenden Titel "Religion im Trend oder Inszenierung für die Quote", erschienen im Patmos-Verlag, erweist sich dadurch als Mogelpackung: In der Hauptsache besteht das Buch nämlich darin, dass die Autorin sämtliche Beiträge der BILD aus den vergangenen Jahren akribisch auflistet, die direkt oder auch nur im entferntesten irgendetwas mit Religion oder religions-assoziierten Befindlichkeiten zu tun haben. Um sie und alle, die in irgendeiner Weise involviert sind, in Grund und Boden zu verdammen. Zum Schluß gibt´s noch einen kleinen Rundumschlag gegen sämtliche "Massenmedien": Die vereinnahmen nämlich ganz frech religiöse Funktionen für ihre Marketingstragie namens Emotainment. Und die anscheinend etwas dämlichen Kirchenleute inklusive Papst gehen den verflixt geschickten Medienleuten ständig auf den Leim, indem sie sich von ihnen für diese oberflächliche religiöse Gefühlsduselei vereinnahmen lassen.

Geklammert wird die Schmähkritik von vorne durch eine kurze Präsentation verschiedener religionssoziologischer Modelle, wobei Hurth Paul M. Zulehners Forschungen - verkürzt und undifferenziert referierend - ablehnt und auf Detlef Pollack setzt. Im noch kürzeren Epilog bestätigt sie ihre unterschwellig durchgängig geäußerte Hypothese, dass Massenmedien wie die BILD-Zeitung zwar ein gesellschaftliches Defizit in Sachen Religion kompensieren, indem sie Religion als großes Gefühl inszenieren, daß aber von einem "Megatrend Religion" weder im Sinne einer lebensbestimmenden Macht für den Einzelnen noch als verbindlichem gesellschaftlichem Rahmen die Rede sein kann. Im Gegenteil zeige sich in den Massenmedien gerade der Verlust der Gottesgegenwart. Über diese knappen Passagen kann man immerhin vernünftig diskutieren.


Zwei Gedanken ihres Buches sind bemerkenswert: Sie traut sich, die offensichtliche Tatsache zu formulieren, daß viele Menschen wie selbstverständlich ohne religiöse Bindung leben und die Sinnfrage nicht mehr im Rückgriff auf Religion beantworten. Der kämpferische Atheismus, der sich immerhin noch aktiv mit der Gottesfrage auseinandersetzt, ist einer weit verbreiteten Indifferenz gewichen. Daraus die naheliegende Frage zu formulieren, daß es "empirisch gesehen fragwürdig (ist), Religion als ein Grundbedürfnis des Menschen anzusetzen" - was soviel bedeutet, wie wesentliche Aussagen der theologischen Anthropologie in Frage zu stellen - diesen Mut hatten noch nicht viele. Der zweite gute Gedanke findet sich in einem Nebensatz des Epilogs: Die Massenmedien profitieren von etwas "...das viele heute in der institutionalisierten Religion in Gestalt der christlichen Kirchen vermissen: den erlebnismäßigen Anteil von Religion." Denn: Nicht nur Einsicht und Erkenntnis, auch Erlebnis und Betroffenheit machen den Glaubensvollzug erst möglich. Hier trifft sie sich ungewollt dann doch wieder mit dem ungeliebten Zulehner, der als Ergebnis seiner Forschungen eine Respiritualisierung der Kirchen einfordert. Durch BILD-Bashing wird diese allerdings nicht stattfinden.


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