Montag, 26. Mai 2008

Christliche Weite in Rheinhessen und Osnabrück

"Auf der Bahnfahrt von Koblenz nach Mainz erlebt man es, wenn irgendwann die Berge zurücktreten und das enge Tal sich zu einem großen, flachen Kessel weitet, in dem dank guter Sonnenlage herrlicher Wein wächst." Dieser Satz ist er der erste Grund, weshalb ich diesen Artikel von Klaus Berger verlinken muss. Dass er außerdem Psalm 18 "Du führst uns hinaus ins Weite" illustriert, ist der zweite. Der dritte: Nachdem Scipio und Elsa die Kommentare eines nach eigener Aussage ultramontanen und reaktionären vermutlichen Nicht-Teilnehmers zum Katholikentag promoten, freue ich mich, auf einen konstruktiven Beitrag zu demselben hinweisen zu können, aus dem ich auch gleich zwei weitere Sätze zitieren möchte: "Das habe ich als „katholische Weite“ oder auch „christliche Weite“ kennengelernt, jene befreite Gelassenheit, die auch Fremdes (gerade das Fremde im eigenen Lager) stehen lassen kann, ohne vorschnell zu verurteilen." Und: "So wird im Blick auf das Kreuz biblische Religion am Ende aus der Befreiungs- zu einer Versöhnungsreligion."

5 Kommentare:

Scipio hat gesagt…

Ja, Du hast recht: es ist immer so eine Sache, aus der Ferne zu urteilen. Nur will der Katholikentag nicht nur 2 oder 3 Tage Fest sein, sondern will ja auch Impulse geben, oder? Da kann man als Impulsempfänger schon kommentieren, was ankommt - und da scheint mir die Botschaft dieses Jahr zu sein: "Wir sind eigentlich auch ganz normale Menschen, kein Grund zur Aufregung, auch nicht für euch, liebe jüdische Brüder! Wir hier in Deutschland meinen es jedenfalls nicht so, wie es anderswo (i.e. Rom) klingt!"

Wer Impulse geben will, darf sich nicht beklagen, wenn die von den üblichen Impulsverstärkern verfälscht werden: Da hätte man vorher was anders machen müssen. Immerhin ist es ja nicht der erste Katholikentag.

martina hat gesagt…

Dass Ihr einen Ferndiagnostiker als Gewährsmann angegeben hat, hat meine Verwunderung ausgelöst. Wirklich gestört hat mich seine unversöhnlich und überheblich wirkende Haltung, die jedes ernsthafte Gespräch dem Verdacht der Zeitverschwendung aussetzt.

Elsa hat gesagt…

Ich freu mich für jeden, der dabei war und begeistert heim kam. Mir persönlich machte die Berichterstattung bislang aber wenig Lust, auch mal hinzugehen, das muss ich wirklich sagen. Das hat viel damit zu tun, dass ich Katholisch-Sein eben auch hier in meiner zweiten Heimat Italien erlebe.Das fühlt sich oftmals sehr viel anders an als in Deutschland, und es ist hier etwas, was mir sehr liegt. Und da sich die Italienerinnen bekanntermaßen sowieso herrlich von Haus aus aussehend perfekt schminken, braucht hier auch niemand Workshops dazu *gg*

Elsa hat gesagt…

PS: Ich seh grad deine Replik auf scipio. Wieso denn Gewährsmann? Es geht doch nicht drum zu beweisen, dass der Katholikentag voll sch* war oder voll toll und selbst wenn es darum ginge, geht das wohl schlecht mit dem Hinweis auf eine einzige Stimme, die ja auch zugibt, gar nicht vor Ort gewesen zu sein. Allerdings hat mich der Welt-Artikel, den ich ebenfalls verlinkte, ebenfalls nicht grad von den Socken gehauen. Dass andere andere Erfahrungen machen und gemacht haben, ist doch selbstverständlich. Denke ich wenigstens.

Tiberius hat gesagt…

Salve Martina!

Da ich mich in einigen Kommentarbereichen recht eindeutig zum Katholikentag geäußert habe, was für den ein oder anderen ein bißchen zu weit aus dem Fenster gelehnt scheinen mag, möchte ich mein Urteil über das hier aufgegriffene Motto des Katholikentages klarstellen.

Zunächst, ja: "Du führst mich hinaus ins Weite". Es erstaunt mich immer wieder, wie sehr die Welt durch den Glauben der Kirche an Weite und Tiefe gewinnt. Ebenso erstaunt bin ich oft, wieviel Freiraum die Kirche in sich bietet, da sie ja von außen oft nur als Block wahrgenommen wird. Ich finde es wunderbar, daß ein Augustinus, ein Bonaventura, ein Anselm, ein Franziskus, ein Thomas, ein Wilhelm und viele, viele andere, - gegenwärtig sind es eine Milliarde Menschen - in der einen Kirche ihren Platz haben, denn für manche wäre der Unterschied zwischen Dick und Doof Grund genug, viele, viele kleine Kirchen zu begründen. Das es trotz der inhaltlichen Unterschiede, die ja nicht nur zwischen den Lehrern der Kirche, sondern auch zwischen den einzelnen Gläubigen bestehen, die eine Kirche geblieben ist - zumindest ihrem Anspruch nach - verdankt sich klaren Grenzen, die als das wesentlich katholische den Raum der Kirche beschreiben.

Die Kirche, die ihrem Wesen nach immer nur eine sein kann, ist für mich wesenhaft der Ort des Heiligen.

Den Katholikentag habe ich hauptsächlich durch die Berichterstattung in den Medien verfolgt und gebe gerne zu, daß manches daran verzeichnet gewesen sein mag. Das aber ändert nichts an der öffentlichen Wirkung des Katholikentages - es macht sie ja geradezu aus - und nur mit dieser möchte ich mich hier befassen.

Was mich stört, ist die Preisgabe des Sakralen in der Annäherung an das Profane. Um es mit einem Bild zu sagen: Der Hirte weidet seine Schafe auf gutem Weidengrund. Er verliert ein Schaf aus seiner Herde - ein Bild, das den meisten ja irgendwie noch vertraut sein dürfte -, und macht sich auf die Suche nach dem verlorenen Schaf. Ich gebe zu, daß die heutige Situation der Kirche mit dem Bild vom Hirten und dem einen verlorenen Schaf, angesichts der überwältigenden Zahl verlorener Schafe, den wahren Verhältnissen kaum noch Rechnung zu tragen scheint. Dennoch ist es richtig von dem einen Schaf zu sprechen, da sich der Hirte, hier Christus, jedem Einzelnen zuwendet. Geradezu falsch wäre es, von verlorenen Herden zu sprechen, da selbst eine Million Schafe ohne Hirten keine Herde machen.

Die Suche nach dem verlorenen Schaf kann verschiedene Gründe haben. Ein Grund könnte sein, die Zahl der Herde zu erhalten, ein anderer, das Schaf auf guten Weidegrund zurückzuführen. Gerade hier läßt sich viel über die Kirche lernen. Wenn es nur darum geht, die Zahl der Herde zu erhalten, dann bräuchte der Hirte die Herde eigentlich nur den verlorenen Schafen hinterher zutreiben oder den Weidegrund so beliebig zu erweitern, daß kein Schaf mehr verloren ist. Wer die Kirche an der Zahl ihrer zahlenden Mitglieder mißt, der kann mit der ganzen Herde den verlorenen Schafen hinterher jagen. Doch selbst wenn es ihm gelänge, so die Zahl seiner Herde zu vergrößern, hätte doch mit ihm die ganze Herde und nicht nur ein Schaf den Weidegrund verlassen. Für den guten Hirten stellt dieses Vorgehen also keine Option dar. Er bringt nicht die Herde zum verlorenen Schaf, sondern das Schaf zur Herde, denn selbstverständlich muß der Verlorene dort aufgesucht werden, wo er verloren ist, daß kann aber doch nicht heißen, sich gleich selbst mit zu verlieren.

Das was ich über den Katholikentag in Osnabrück gesehen, gehört und gelesen habe, läßt mich an der Seite der Kritik die Affirmation vermissen, und auf der Seite der Kritik den Sinn für das Sakrale, den guten Weidegrund, und so erlebe ich den Katholikentag als eine Anbiederung an das Profane, als "Happening", als "Event", als "Lifestyle".

Wenn ein Religionssoziologe auf dem Katholikentag beklagt, das Jugendliche, die sich zu der einen Kirche bekennen, mit einem erheblichen Verlust an sozialem Prestige rechnen müssen, welcher vor allem auf die weltfremde Haltung der Kirche zurückzuführen sei, dann bin ich mir nicht sicher, ob der Mann verstanden hat, wer der Mann mit der Dornenkrone ist und was in der Welt die Kirche, wenn nicht sein geschundener Leib.

Wenn eine Kosmetikerin, die an einem Stand, von einer großen Kosmetikfirma gesponsert, ihre Aufgabe mit den Worten beschreibt, sie verhelfe den Besuchern des Katholikentages mit Schminktips zu einem besseren Ausdruck ihrer individuellen Persönlichkeit, dann muß es um die Christen schlimmer bestellt sein als ich dachte. Sie aber wird wohl kaum die Verschönerung des Tempels im Sinn gehabt haben, den der Herr in drei Tagen wiederaufgerichtet hat, und leider wohl auch nicht die Händler und Geldwechsler, die aus diesem verjagt wurden.

Für mich ist das ein - vielleicht nachvollziehbares - Ärgernis. Es ist dabei nicht meine Absicht, überheblich, unversöhnlich oder unernst zu sein und schon gar nicht Zeit zu verschwenden. Im Gegenteil müssen wir die Zeit nutzen, darüber zu sprechen, was unserem Verständnis nach Kirche und was katholisch ist.

Vale!
Tiberius