Sonntag, 18. Mai 2008

Engel: peinlich oder notwendig?

"Sehnsucht ist der Anfang von allem" - der vielzitierte Satz von Nelly Sachs geht mir nicht aus dem Kopf, wenn ich in dem neuen esoterischen "Engelmagazin" blättere. Georg hat die Zeitschrift schon Ende April in einer Bahnhofsbuchhandlung gefunden, aber wegen der bedauerlich uninteressanten Website (hauptsächlich Mediadaten und Anzeigenpreise) hatte ich keine Eile mit dem Posting.

Mich fasziniert diese Zeitschrift. Sie strahlt aus, was sie verspricht: mehr Licht und mehr Freude in das Leben zu bringen. Sie antwortet auf die Grundsehnsucht des Menschen: Engel garantieren Schutz und Hilfe, Anerkennung und Ermutigung, Liebe und Geborgenheit, Meditation und Mystik, Glück und Heil. Die Engel des neuen Magazins stehen ausschließlich für das Positive in uns und unserem Leben. Wir brauchen sie nur in unsere Leben hineinzulassen. Der sehnsüchtige Teil von mir würde sich am liebsten fallen lassen in diese wattebauschweiche, problemfreie Kuschelspiritualität.

Der andere - ewig kritische - Teil in mir fragt sich: Wo waren die Schutzengel der vielen Menschen, die in den letzten beiden Wochen in Asien sterben mussten? Noch rationaler veranlagten Katholiken als mir sind Engel als Wesen von jenseits der Grenze zum Aberglauben sogar richtig peinlich.

Doch diese intellektgesteuerte Einstellung ist nicht das, was Menschen brauchen. Das Engelmagazin hat es genau erfaßt: Gerade in der Not sehnen sich Menschen nach den guten Mächten im Leben und kann der Glaube an sie neue Kraft und Würde verleihen. Mehr Licht und Freude in das Leben bringen, vielleicht auch mit Hilfe von Engeln - dass das unsere Sendung ist, können wir Katholiken vom Engelmagazin lernen.


Nachtrag: Noch länger als ich haben die Kollegen der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen für ihre Bewertung des Engelmagazins gebraucht. Deren Fazit: Sehnsuchtsreligiosität, gegen die sich die Engel nicht wehren könnten.

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