Freitag, 5. September 2008

Kuscheln mit dem Roboter

Pleo erobert die Herzen im Sturm. Heute ist der kleine Robosaurier bei uns zu Gast. Er bewegt sich noch ein wenig unbeholfen, aber es wird nur eine Frage der Zeit sein bis ein entsprechendes Software-Update entwickelt und aufgespielt wird. Trotz seiner etwas staksigen Bewegungen ist er unheimlich süß. Eben ein Baby. Das Kindchenschema beherrscht er so perfekt, dass wir ihn sofort ins Herz schließen, uns um ihn kümmern, mit ihm spielen. Das macht richtig Spaß! Selbst wenn er beim Kuscheln auf dem Arm eingeschlafen ist, fällt es schwer ihn abzulegen.

Pleo erinnert mich ein bisschen an Max Kruses "Urmel": Wenn er aus dem Ei schlüpft, kann er noch fast nichts, lernt aber innerhalb von 30 Minuten sehr viel: Seinen Namen, die Stimmen seiner Bezugspersonen, den Raum, in dem er sich bewegt. Nur mit dem Sprechen klappt es noch nicht. Je nach Prägung wird Pleo einen sanften oder lebhaften Charakter entwickeln. Mit seiner künstlichen Intelligenz lernt er, sich auf seine Umgebung einzustellen.

Pleo ist ein Robotic-Konzept, mit dem das Forschungsprojekt LIREC (LIving with Robots and intEractive Companions) untersucht, wie sich soziale Beziehungen zwischen Menschen und Robotern entwickeln können.
Emotional intelligente Roboter, die sensibel auf Menschen reagieren und eine Beziehung zu ihnen eingehen können: so werden die künstlichen Kameraden sein, die uns im Alltag der Zukunft unterstützen werden. Ich sehe sie schon vor mir: gut gelaunte Polizisten, zuvorkommende Altenpfleger und -pflegerinnen (Privatzahler bestellen sich eine besonders hübsche Sonderanfertigung, die anderen bekommen den durchschnittlichen Kassentypus), Haustiere für Vereinsamte, Babys für Kinderlose und für mich bitte einen Haushaltsroboter, der auch einkaufen geht und Fußballschuhe putzt.

Kulturpessimisten finden das pervers. Kann man für eine künstliche Lebensform echte Gefühle entwickeln? Kann es Liebe zwischen Mensch und Roboter geben? Ist die Entwicklung empathischer Roboter nicht ein besonders perfider Trick einer unsolidarischen Gesellschaft, ihre sozialen Aufgaben an die Technik zu delegieren?

Die netten Robots werden kommen. Nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung des Alltagslebens. Wie damals der Buchdruck, die Computer und die Organtransplantation. Die Gefühle der Menschen werden echt sein, die der Roboter zunächst wahrscheinlich nicht. Noch erkennt man die Maschine in Pleo ganz gut. Das wird sich ändern. Spätestens dann, wenn auch biochemische Prozesse in der Maschine ablaufen können. Vielleicht müssen wir irgendwann unser Verständnis von Person-Sein überdenken - wenn die wahrnehmbaren Unterschiede zwischen Mensch und Roboter kleiner werden.


Was bleibt: Der Mensch schafft den Roboter nach seinem Bild, während er selbst nach Gottes Abbild geschaffen ist. Mit dieser Gewissheit im Rücken können wir auch den Schattenseiten, die vielen technischen Neuerungen zu eigen sind, begegnen: Roboter, die als Soldaten eines reichen Landes gegen Menschen eines armen Landes kämpfen. Oder dass Menschen noch weniger aufgefordert sind ihre Liebesfähigkeit zu entwickeln.

Die entscheidende Frage ist nicht die, wie Menschen mit Robotern umgehen, sondern immer diesselbe: wie Menschen mit Menschen umgehen.

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4 Kommentare:

Tiberius hat gesagt…

"Spätestens dann, wenn auch biochemische Prozesse in der Maschine ablaufen können." ... Als ob biochemische Prozesse die Quelle der Liebe wären, die wir empfinden.

"Vielleicht müssen wir irgendwann unser Verständnis von Person-Sein überdenken" ... wohl erst wenn sich einer von den Blechkameraden aus freiem Entschluß für die Welt ans Kreuz schlagen läßt oder anders: vielleicht sollte man sein Verständnis von Person sein jetzt schon mal überdenken.

Martina hat gesagt…

Hallo Tiberius,

vielen Dank für Ihren Beitrag!

Ich kenne die Zukunft nicht, aber ich halte es für absehbar, dass es rund um die Entwicklung von "Künstlicher Intelligenz" Diskussionen in diese Richtung geben wird: Was unterscheidet den Menschen vom fühlenden und denkenden Roboter? Was ist der Mensch? Kann es Freundschaft zwischen Mensch und Roboter geben? Wenn ein Roboter Fehlentscheidungen trifft - wer ist für die Folgen verantwortlich?

Diese Diskussionen werden möglicherweise federführend von atheistisch überzeugten Naturwissenschaftlern, wie sie sich zum Beispiel in "Bild der Wissenschaft" darstellen, und die meiner Meinung nach einen nennenswerten gesellschaftlichen Einfluß haben, angestoßen. Die Menschen haben schon jetzt vergleichbare Fragen. Ich denke an Themen wie Evolution vs. Schöpfungsglaube oder an die Forschungen des Astrophysikers Stephen Hawkings, dessen Lebenswerk durchzogen ist von der Frage nach Gott. Sollten wir Christen dieses Nachdenken nicht als Chance wahrnehmen und uns darauf einlassen? Zeugnis geben und die Welt gestalten?

Ich glaube, dass wir uns mit sehr wertvollen Denkanstößen in dieses Gespräch einbringen können - zum Beispiel mit Ihren, für die ich nochmals danke.

Was den Begriff der "Person" betrifft, haben Sie natürlich Recht: Er wurde in der Antike im Zusammenhang mit der Rede über Gott (Trinität) entwickelt. Ich habe ihn trotzdem verwendet, denn: Inzwischen ist er nicht nur in den allgemeinen Sprachgebrauch der Rede über den Menschen eingegangen, sondern in diesem Sinn bereits seit vielen Jahrhunderten Gegenstand der philosophischen Anthropologie und auch der Theologie. Die Auseinandersetzung Robert Spaemann - Peter Singer dreht sich zum großen Teil um diesen Begriff. Ich ersetze ihn aber auch gerne durch "Mensch", wenn das akzeptabler oder verständlicher ist.

Viele Grüße!
Martina

Tiberius hat gesagt…

Liebe Martina,

sicherlich wird es in Zukunft, gerade auch mit Blick auf "künstliche Intelligenzen" Diskussionen darüber geben, was der Mensch seinem Wesen nach ist. Es gibt jedoch schon heute genug Vertreter der Auffassung, daß Menschen mechanistische Wesen sind, im Grunde nicht mehr als Roboter der Evolution.

Ich denke nicht, daß die Entwicklung von "künstlicher Intelligenz" oder von empathischen Maschinen das christliche Menschenbild in Frage stellt, habe bislang aber auch keinen Grund, diese Bild auf andere Arten zu übertragen.

Es ist richtig, die christliche Position in die gegenwärtigen und kommenden Diskussionen einzubringen. Das Person sein des Menschen konstitutiert sich für mich durch das menschliche Ich und das göttliche Du, sowie durch Freiheit, Leben und Liebe. Es ist eine Frage des Glaubens.

Die entscheidende Frage aber ist nicht, ob ein Mensch einen Roboter lieben kann, sondern ob ein Roboter überhaupt lieben kann. Diese Frage ist deshalb entscheidend, weil die Liebe der vollkommene Ausdruck des von mir beschriebenen Person seins ist.

Vale!
Tiberius

wingthom hat gesagt…

Es gibt wohl viele Zugänge zu dem Thema,

siehe CNET.de

http://www.cnet.de/digital-lifestyle/specials/39195929/trackback/pleo+ein+haustier+zum+abschalten.htm

siehe Bild der Wissenschaft

http://www.wissenschaft.de/wiss_static/wiss_foren/detail_msg.php3?forum=113&msg=2132521&referer=date_113