Sonntag, 11. Januar 2009

Taufe Jesu

Letztes Wochenende sprach mich unser Nachbar an. Er ist Christ und an religiösen Themen so sehr interessiert, dass er sich sogar richtig trockene theologische Literatur zu Gemüte führt. Er habe zu Weihnachten ein exegetisches Buch bekommen, in dem es um den historischen Jesus gehe, erzählte er. Darin stünden Forschungsergebnisse über die Taufe Jesu, die für ihn ein völlig neues Licht auf Jesus werfen würden, was ich denn davon hielte. Er fasste kurz zusammen.

Ich weiß nicht, um welches Buch es sich handelt und habe auch seinen Bericht nicht mehr im Detail im Kopf. Doch es waren keine revolutionären Thesen, von denen er erzählte, sondern "altbekannte Tatsachen", über die wissenschaftlicher Konsens herrscht. Mich hat erschüttert, wie neu diesem gebildeten, intelligenten und interessierten Menschen die Bedeutung der Taufe als zentraler Moment im Leben Jesu waren. Hat die Taufe Jesu in der kirchlichen Verkündigung und Katechese einen derart geringen Stellenwert, dass ein praktizierender Christ aus einem Buch so bewegend Neues erfährt?

Alle Evangelien berichten von der Taufe Jesu durch Johannes im Jordan. Sie markiert den Beginn des öffentlichen Wirkens Jesu. Die Evangelien erzählen davon, dass während der Taufe etwas geschehen ist, das Jesus einen starken neuen Impuls für sein Leben gegeben hat: Jesus hatte eine Vision, deren Inhalt seine Berufung zur Verkündigung des Reiches Gottes war. An anderer Stelle wird ebenfalls von Jesu Initialvision berichtet, und zwar in einer Formulierung, die zu den "ipsissima verba" (historische Aussage Jesu, die im Wortlaut wiedergegeben wird) gezählt wird, und die den Inhalt seiner Botschaft von der Gottesherrschaft in einer anderen Formulierung zusammenfasst: "Ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen" (Lk 10,18) Nach seiner Taufe beginnt Jesus mit der Verkündigung des Evangeliums: "Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!" (Mk 1,15). "Blinde sehen wieder und Lahme gehen; Aussätzige werden rein und Taube hören; Tote stehen auf und den Armen wird das Evangelium verkündet" (Mt 11,5) "Wenn ich aber die Dämonen durch den Finger Gottes austreibe, dann ist doch das Reich Gottes schon zu euch gekommen." (Lk 11,20).

Was ist nun daran so bemerkenswert neu, dass mein Nachbar mich darauf ansprach? Fast alles: Johannes hatte das nahe Zorngericht Gottes über das sündige Israel verkündet. Dem entgehen könne nur, wer umkehre und seine Sünden bekenne. Jesus verkündet dem bedrohten Israel das endzeitliche Heil und sagt dieses sogar bereits für die Gegenwart zu! Der endzeitliche Kampf zwischen Gott und Satan ist schon entschieden, die Schuld Israels ist getilgt und gegenstandslos. Jesus demonstriert Gottes Güte, indem er sich mit öffentlich bekannten Sündern einlässt. Er zeigt die Gegenwart der Gottesherrschaft auf, indem er Kranke heilt und Dämonen austreibt. Das Reich Gottes ist gekommen, wir sind gerettet.

Heute, am Fest der Taufe Jesu feiern wir nichts Geringeres als den Beginn des Evangeliums, Jesu Berufung zur Verkündigung des Reiches Gottes - als Prediger, Therapeut, Exorzist, Visionär und Repräsentant der Gottesherrschaft, die mit ihm begonnen hat.

Die urchristlichen Gemeinde greift die Taufe als gängige Praxis auf. Sie gilt einerseits als Reinigungstaufe zur Sündenvergebung wie bei Johannes, vermittelt darüber hinaus aber auch Geistbegabung und Berufung. Als "Wasser- und Geisttaufe" wurde sie zum Initiationssakrament des Christentums. Mehr darüber in unserem neuen Taufe-Special.

2 Kommentare:

http://www.interaktivierung.net hat gesagt…

Ein Grund für das nicht vorhandene Bewusstsein ist vielleicht die Menge an "Informationen", die ein in Deutschland aufwachsender Mensch im Laufe seines Lebens über die Kirche / Religion geliefert bekommt.

Es ist eine große Flut: Religionsunterricht, Lesungen, Zeitungsartikel, Fernsehsendungen... viel Faktenhuberei und Dramatisierung.

Manche Inszenierungen erinnern dabei mehr an Naturreligionen oder den Naturkundeunterricht denn an Christentum. Vernebeln das Gehirn mehr als zur Klarsicht beizutragen.

Was häufig fehlt: in drei klaren Sätzen sagen, worum es geht.

Dem kleinbürgerlichen Drang zur Selbstinzensierung und Selbstbestätigung muss die Kirche sich entgegen stellen, damit sie mit ihrer Botschaft nicht untergeht.

Wenn sie das überhaupt (noch) will.

Manchmal gewinne ich den Eindruck, sie ist sehr gerne "mitten drin" im gesellschaftlichen Strom und ganz froh, dass keiner (ausser Kindern... manchmal) konkret nachfragt, worum es dabei eigentlich geht.

Wer auf seine Grundlagen vertraut, handelt nicht so indifferent.

Anonym hat gesagt…

Liebe Martina!
Nachdem ich mich nun im Internet gefunden habe, muß ich nochmals zur Sache "Taufe Jesu Stellung" nehmen.

Vielen Dank für Deine theologischen Erläuterungen der Taufe Jesu (und des Taufsakramentes). Aber es ging nicht um etwas, das ja in jedem Gottesdienst verkündert wird, sondern das man sich von (auch wissenschaftlich exegetischen) Texten neu ansprechen läßt. Die in diesem Buch hervorgehobene Verkündigung Jesu des konkret erlebbaren "Reich Gottes" (Blinde sehen, Lahme gehen) traf mich im Spannungsbogen zu dem Mangel an heutigem Erleben von "Reich Gottes" in Gesellschaft und Kirche. Wenn der Endkampf zwischen Gott und Satan ja schon entschieden ist, versteht man das ängstliche Beharren und Absichern in theologischen und hierarchischen Strukturen insbesondere der katholischen Kirche nicht.
Es geht nicht um die Aufklärung des "Kleinbürgers" in "klaren Sätzen" sondern um das "Erlebbarmachen" von "Reich Gottes" durch Christen als Auftrag in der Welt.