Montag, 11. Oktober 2010

Die dunkle Seite der Kirche

Man vergisst ja vieles im Leben. Besonders trockenen Lernstoff irgendwelcher Uni-Vorlesungen aus grauer Vorzeit. Die Lehrveranstaltungen von Toni Bucher sind mir noch sehr gut in Erinnerung, ich könnte einiges aus dem Stand wiedergeben: zum Beispiel die Entwicklung des religiösen Urteils oder sein Plädoyer dafür, dass auch Kinder die Bibel sehr wohl verstehen können. Er war so beharrlich engagiert für seine Inhalte, so anschaulich in der Darstellung - man merkte, dass es ihm ein persönliches Anliegen war, worüber er forschte und was er uns vermitteln wollte. Es ging um Kinder und Gott und Kinder.

Keine Überraschung, dass
Anton A. Bucher sich auch in Erziehungswissenschaft und nicht nur in Theologie habilitiert hat. Dass er selbst sechs Kinder hat. Und dass er sich jetzt in einem Kontext, in dem kirchliches Scheitern an Kindern zur Sprache kommt, zu Wort meldet.

Ziel der kindlichen Entwicklung ist es, erwachsen zu werden. So banal der Satz ist: Hier steckt der Sprengstoff. Denn Professor Bucher diagnostiziert: "Die Mentalität der römisch-katholischen Kirche ist in vielem verkindlichend, sie hemmt Entwicklung hin zu Mündigkeit und aufrechtem Gang." Er konstatierte schon früher kirchliche Infantilisierung statt religiöser Reifung - ein zentraler Punkt im kirchlichen Missbrauchsskandal.

Jesus hat die Kinder gesegnet, in die Mitte der Menge gestellt und von den Kindern gesagt, dass ihre Engel allezeit das Angesicht Gottes sehen. Anton A. Bucher weist darauf hin, dass das Christentum viel zur Besserstellung des Kindes in menschlichen Gesellschaften beigetragen habe.

Seine Überzeugung "Die hellen Seiten der Kirche wären pragnanter, wenn auch über die dunklen gesprochen würde" veranlasste ihn, den Titel für sein Buch zu wählen "
Die dunkle Seite der Kirche". Es stimmt ja: Aus Angst vor Autoritätsverlust hat die Kirche viel Autorität verloren. Jetzt müssen wir uns damit abmühen, eingebüßte Glaubwürdigkeit wieder zu gewinnen. Wie kann das gehen?

Anton A. Bucher hat in seiner gewohnt prägnanten Art Wünsche für die Zukunft unserer Kirche formuliert, die ich gerne wiederholen möchte:
"Ich wünsche mir eine offenere Diskussion" (über längst fällige Veränderungen, laut Pressebericht).
"Ich wünsche mir eine Reduktion der Doppelmoral" (im Hinbilick auf "versteckte" Lebensgefährtinnen und Kindern von Priestern).
"Ich wünsche mir mehr froh machende Botschaften anstatt schuld machende."
"Ich wünsche mir mehr geschwisterlichen Umgang (statt Hierarchie)."
"Ich wünsche mir eine Kirche, in der Menschen erwachsen werden."

Die Deutsche Bischofskonferenz hat auf ihrer Herbstvollversammlung eine "
Dialoginitiative" gestartet. Vielleicht geht damit schon der erste Wunsch in Erfüllung?

Quelle:
kathweb.at

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